Sex nach der Geburt

Jamila Mewes im Interview mit Löwenzahn Organics





Sex nach der Geburt ist anders – zumindest zu Beginn. Besonders herausfordernd wird die Sache, wenn das letzte Mal einfach so unfassbar lange her ist. Denn sind wir mal ehrlich: Wie ist es möglich, sexuelles Begehren trotz Alltagsstress mit Kind oder Kindern, Haushalt und Co. beizubehalten? Gerade im ersten Lebensjahr deines Babys ist nicht viel Zeit für Zweisamkeit mit deinem Partner oder deiner Partnerin – und das ist auch völlig in Ordnung so. Und wenn ihr es schafft einen Babysitter zu organisieren, wie bringt ihr Intimität zurück in eure Zweisamkeit?





Eltern sein, Paar bleiben ist eine Herausforderung. Mit der Paartherapeutin Jamila haben wir ein ausführliches Gespräch über das Thema geführt. Den ersten Teil des Interviews findest du hier:


Weil sie uns so viel spannendes zum Thema Sex nach der Geburt im Interview erzählt hat, haben wir einen zweiten Artikel für unser Magazin erstellt. Also noch mehr Fragen von uns und Antworten von Jamila.



Wie schafft man es, sexuelles Begehren trotz Alltagsstress mit Kind oder Kindern beizubehalten?


Natürlich sind wir ganz schön alle vom Alltag mit Kleinkindern. Es ist also kein Wunder, dass wir abends kaum mehr Energie haben, um eine erfüllte Zweisamkeit zu leben.

Auch sind wir ganz schön voll mit dem Kuschelhormon Oxytocin. Wenn wir den ganzen Tag mit dem Kind kuscheln und es stillen bzw. füttern, haben wir rein biologisch am Ende des Tages kaum mehr Verlangen nach Sex.

Sex nach der Geburt ist nicht so einfach, wie wir es gewohnt sind. Weil wir eben von unserem Körper keine Signale bekommen, wie wir das sonst gewohnt sind, brauchen wir zunächst eine bewusste Entscheidung für Sex. Bis der Körper wieder die gewohnten Signale liefert, kann das auch bis zu zwei Jahren nach der Geburt dauern.


Es hilft sich bewusst zu machen, dass vieles wovon ,sexuelles Begehren’ lebt, im Grunde im Alltag mit unseren Kindern schon abgegrast ist: die Spontanität, die Kreativität, das verspielt sein, die Lust an Dingen. Oft sind wir abends nicht mehr bereit dazu damit weiter zu machen. Doch eigentlich müssten wir uns davon ein bisschen was für die Zweisamkeit mit unserem oder unserer Partner:in aufheben.

Dies gelingt am besten, wenn wir eine bewusste Entscheidung treffen, uns Zeit und Raum dafür zu nehmen. Sex nach der Geburt können wir planen, auch wenn es ungewohnt ist, dies zu tun, kann es helfen den Fokus darauf zu lenken. Zum Beispiel am Nachmittag, wenn das Baby schläft, wenn du und dein oder deine Partner:in abends zu müde seid.



Reicht es aus, Zeit für Sex einzuplanen?


Es kann sein, dass genau das reicht. Es kann aber auch sein, dass in diesem Moment der Intimität die Frau, die gerade ein Kind bekommen hat, sich nicht mehr wie gewohnt als begehrenswerte Frau spürt.

Kann ich mich als Frau spüren? Genau da hakt es sehr oft nach der Geburt. Weil sich Frauen nach der Geburt in dem neuen Körper und mit den neuen Aufgaben oft verloren fühlen.

Früher hat das Berühren einer bestimmten Körperstelle wunderbar funktioniert und jetzt merkt sie genau dort gar nichts mehr oder bestimmte Berührungen machen Schmerzen. Das kann sehr frustrierend sein und Angst machen. Sex soll nicht weh tun und der Körper soll die Zeit bekommen, die er zum heilen braucht.


Die Geburt selbst war schon ein einschneidendes Erlebnis. Das muss erstmal verarbeitet werden. Und dann braucht es auch Zeit den neuen Körper kennen zu lernen.

Der Bauch ist zum Beispiel nicht mehr was er war oder die Haut oder die Brüste. Und da haben wir gesellschaftlich auch ständig diese Message mit diesem perfekten After-Baby-Body-Scheiß. Das wir nach der Geburt so oder so auszusehen haben. Das erzeugt Druck und Druck bringt uns sehr weit Weg von unserer Lust.




Ein sehr interessanter Punkt, den du da ansprichst. Der weibliche Körper verändert sich nach der Geburt.


Für mich war das zum Beispiel so, dass ich in den ersten Wochen nach der Geburt meines ersten Kindes nicht wollte, dass mein Mann meine Brüste anfasst. Für mich hat sich das in den ersten Wochen falsch angefühlt, die Milchbrüste zu sexualisieren. Die waren so klar für mein Kind bestimmt. Aber genauso geht das auch anders herum, dass Männer aus dem selben Grund die Brüste ihrer Frau nicht mehr anfassen wollen. Das wiederum kann die Frau verunsichern und dazu führen, dass sie sich sexuell nicht mehr als Frau gesehen fühlt.


Und unter uns, wie kann die Sexualität wieder entdeckt werden?


Zeit ist hier oft eine Antwort – klar. Allerdings geht es auch vielen Paaren so, dass, wenn sie mal einen kinderfreien Abend haben, gar nicht wissen wie sie es anstellen sollen. Weil es einfach so lange her ist. Je länger die Lücke von Intimität wird, desto schwieriger ist es, zurück zu finden. Das erfordert ein erneutes Kennenlernen.

Am Anfang muss es auch keine Penetration sein. Wo fängt Sex für dich an? Es kann schon fürs erste ausreichen, nackt im Bett zu liegen oder sich voreinander auszuziehen, gemeinsam im Bad sein.

Ganz normale Dinge, bewusst miteinander machen. Es geht um die Verständlichkeit des ‘Du’ und ‘Ich’, und das ‘Wir’: “Lass uns Haut auf Haut spüren wie sich das anfühlt und lass uns einfach umarmen.” Reine Biologie, so wird wieder Oxytocin (Bindungshormon) ausgestrahlt und es entsteht Verbundenheit.


Verbundenheit und Sexualität entsteht aber auch durch Blicke und Worte. Sagt oder schreibt euch, wenn ihr Lust habt aufeinander oder an Sex miteinander gedacht habt. Auch dann, wenn es gerade nicht möglich ist, dass ausgesprochene umzusetzen.

Esther Perel sagt: “Das Vorspiel fängt wieder direkt nach dem Sex an”, also jeder Gedanke, Blick, Wort an Sex ist bereits Vorspiel. Weil es die Aufmerksamkeit zueinander lenkt und die Lücke der Intimität nicht so groß werden lässt.



Warum kann Sex ein Streitpunkt werden?


Hier geht es um Bedürfnisse, die meistens in Vorwürfen versteckt sind. Nicht kommunizierte Bedürfnisse (und Vorwürfe) führen zu Frust und Frust führt zu Streit.

Wenn wir den Vorwurf hören “Nie haben wir Sex”, gehen wir oft unmittelbar in die Verteidigung. Aber oft liegt unter diesem Vorwurf das pure Bedürfnis nach Nähe, Verbundenheit, begehren und begehrt werden.

Natürlich ist es vollkommen in Ordnung sich durch Sexualität geliebt zu fühlen. Dabei ist es allerdings wichtig, ein Bewusstsein dafür zu haben, worum es eigentlich geht. Zu kommunizieren, dass einem der Sex in der Bezíehung fehlt, weil man sich so in der Beziehung am meisten geliebt gefühlt hat, ist etwas völlig anders zu als der Vorwurf “Nie willst du Sex haben”.

So bekommt der oder die Partnerin auch die Chance zu sagen: “Ja, das kann ich verstehen. Auch wenn ich Sex momentan noch nicht vermisse.”



Hast du noch einen Tipp für Paare wie sie liebevoll über das Thema Sex nach der Geburt reden können?


Liebevoll ist auf jeden Fall ein Key. Verständnis für die Unterschiedlichkeit zu erlangen, hilft enorm. Es ist ok, dass einer von beiden gerne Sex hätte und der oder die andere noch nicht. Wir dürfen Phasen miteinander erleben, in denen wir unterschiedliche Bedürfnisse haben. Diese aussprechen zu dürfen in Ich-Botschaften “…mir fehlt/ich vermisse dich/ich habe Sehnsucht/ich habe Lust auf dich” ist wichtig, um sich nicht auseinander zu leben. Falls Druck entsteht, ist es ebenfalls wichtig darüber zu sprechen. Vielleicht hilft eine Umarmung und vielleicht entsteht so auch langsam ein Zugang zu dem Gefühl der Nachricht: ich bin begehrt. Kommunikation ist so ein wichtiges Element um Erwartungshaltungen zu klären und zu erfahren, wo stehst du gerade und was fühlt sich gut an. Das Thema ist emotional sehr aufgeladen und es kann hilfreich sein, sich da Unterstützung zu holen in Form von Beziehungscoaching oder Paartherapie.


Liebe Jamila herzlichen Dank für unser Gespräch.





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